Das Angst–Spannungs–Schmerz-Syndrom – Warum Vertrauen der Schlüssel zu einer selbstbestimmten Geburt sein kann.
- Kristina Brdar
- 5. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Warum erleben manche Frauen ihre Geburt als kraftvoll und selbstbestimmt, während andere von Angst und Anspannung überwältigt werden?
Diese Frage beschäftigt mich schon seit vielen Jahren.
Je mehr ich mich mit der Verbindung zwischen Körper, Gehirn und Nervensystem auseinandersetze, desto mehr wird mir bewusst: Geburt beginnt nicht erst mit der ersten Welle. Sie beginnt viel früher – in unseren Gedanken, unseren Erfahrungen und in dem Vertrauen, das wir in unseren Körper haben.
Genau darum geht es beim Angst–Spannungs–Schmerz-Syndrom.
Bereits in den 1930er-Jahren beschrieb der britische Geburtshelfer Grantly Dick-Read den Zusammenhang zwischen Angst, körperlicher Anspannung und einer verstärkten Schmerzwahrnehmung. Heute bestätigen zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse, dass unser Gehirn, unser Nervensystem und unser Körper eng miteinander verbunden sind. Gedanken und Gefühle beeinflussen, wie wir Schmerzen wahrnehmen und wie unser Körper auf Herausforderungen reagiert.
Und genau das spielt auch während der Geburt eine entscheidende Rolle.
Vielleicht hast du selbst schon einmal Sätze gehört wie:
"Denk nicht so viel darüber nach, dann wirst du bestimmt schwanger."
"Entspann dich, dann klappt es schon."
"Je mehr du über den Schmerz nachdenkst, desto schlimmer wird er."
Oder kennst du folgende Situation?
Ein Kind fällt hin und beginnt zu weinen. Mama oder Papa nimmt es in den Arm, pustet liebevoll auf die Stelle und sagt: „Ich puste dreimal darüber und gebe dir einen Kuss, dann wird es gleich besser.“
Plötzlich beruhigt sich das Kind.
Ist der Schmerz verschwunden? Vermutlich nicht.
Aber das Kind fühlt sich sicher, geborgen und gesehen. Sein Nervensystem kann sich beruhigen – und genau dadurch verändert sich häufig auch die Schmerzwahrnehmung.
Unser Körper besitzt erstaunliche Fähigkeiten, wenn er sich sicher fühlt.
Was passiert während der Geburt?
Eine Geburt ist eine der größten körperlichen Leistungen, zu denen unser Körper fähig ist. Gleichzeitig beeinflusst unser emotionaler Zustand maßgeblich, wie wir diese Erfahrung erleben.
Stell dir folgende Situation vor:
Die ersten Wellen (Wehen) beginnen.
Vielleicht überwiegt zunächst die Freude. Doch dann schleichen sich Gedanken ein:
"Was passiert gerade mit meinem Körper?"
"Schaffe ich das wirklich?"
"Wird alles gut gehen?"
"Wie lange wird das dauern?"
Diese Gedanken sind völlig menschlich.
Doch wenn aus Unsicherheit Angst wird, reagiert unser Körper.
Die Muskulatur spannt sich an und unser Gehirn sendet Signale an das Nervensystem: "Achtung, hier könnte Gefahr bestehen!"
Daraufhin werden vermehrt Stresshormone – sogenannte Katecholamine, wie Adrenalin und Noradrenalin – ausgeschüttet.
Das ist grundsätzlich etwas Gutes. In einer echten Gefahrensituation helfen uns diese Hormone beim Überleben.
Während einer Geburt können sie jedoch den natürlichen Geburtsprozess beeinflussen.
Die Atmung wird häufig flacher, die Muskulatur spannt sich an und es fällt vielen Frauen schwer, loszulassen. Gleichzeitig kann die Wirkung von Oxytocin – unserem Geburts- und Bindungshormon – gehemmt werden.
Genau deshalb sprechen wir vom Angst–Spannungs–Schmerz-Kreislauf:
Angst führt zu Anspannung.
Anspannung kann Schmerzen intensiver wirken lassen.
Mehr Schmerzen können wiederum neue Angst auslösen.
Ein Kreislauf entsteht.
Das bedeutet jedoch nicht, dass jede Frau diesen Kreislauf erlebt oder dass eine Geburt dadurch automatisch länger dauert. Jede Geburt ist einzigartig. Doch wir wissen heute, dass unser Nervensystem einen entscheidenden Einfluss darauf haben kann, wie wir eine Geburt erleben.
Unser Alltag beginnt oft im Stress – und genau das nehmen wir mit in die Geburt
Viele von uns leben dauerhaft unter Druck.
Termine, To-do-Listen, Erwartungen und ständige Erreichbarkeit begleiten unseren Alltag.
Wir funktionieren.
Wir leisten.
Wir organisieren.
Doch dabei verlieren wir oft die Verbindung zu unserem Körper.
Wir spüren gar nicht mehr, wann wir eigentlich erschöpft sind.
Wann wir eine Pause brauchen.
Oder wann unser Körper uns etwas mitteilen möchte.
Deshalb fällt es vielen Frauen während der Geburt schwer, wirklich loszulassen.
Nicht, weil sie etwas falsch machen.
Sondern weil ihr Nervensystem kaum noch gelernt hat, sich sicher zu fühlen.
Die gute Nachricht: Dieser Kreislauf lässt sich durchbrechen.
Genau hier setzt die mentale Geburtsvorbereitung an.
Mit Methoden wie Hypnose, Atemtechniken, Meditation, Visualisierungen und gezielten Entspannungsübungen kann dein Nervensystem lernen, wieder in einen Zustand der Sicherheit zurückzufinden.
Wenn wir uns sicher fühlen, verändert sich auch unsere Hormonlage.
Oxytocin kann seine natürliche Wirkung besser entfalten und unser Körper schüttet vermehrt Endorphine aus – unsere körpereigenen Schmerzhemmer.
Jede Geburt ist anders.
Aber viele Frauen berichten, dass sie ihre Geburt bewusster, ruhiger und selbstbestimmter erleben konnten, weil sie verstanden haben, was in ihrem Körper geschieht und gelernt haben, mit den Wellen zu arbeiten, anstatt gegen sie anzukämpfen.
Warum mentale Geburtsvorbereitung so viel mehr ist als Geburtsvorbereitung
Genau deshalb ist mentale Geburtsvorbereitung für mich so viel mehr als die Vorbereitung auf einen einzigen Tag.
Sie ist eine Vorbereitung auf das Vertrauen in dich selbst.
Du lernst, deine Gedanken bewusst wahrzunehmen.
Du verstehst, wie dein Nervensystem funktioniert.
Du entwickelst Strategien, um auch in herausfordernden Situationen ruhig zu bleiben.
Und genau diese Fähigkeiten begleiten dich weit über die Geburt hinaus.
Sie helfen dir im Wochenbett.
Im Mama-Alltag.
In deiner Partnerschaft.
Im Beruf.
Oder einfach dann, wenn das Leben einmal stürmisch wird.
Eine Geburt dauert vielleicht einige Stunden.
Das Vertrauen, das du dabei in dich selbst entwickelst, kann dich ein Leben lang begleiten.
Deshalb ist mentale Geburtsvorbereitung für mich keine Methode.
Sie ist eine Haltung.
Eine Investition in dich selbst.
Bin ich gegen Schmerzmittel während der Geburt?
Ganz klar:
Nein.
Ich bin nicht grundsätzlich gegen Schmerzmittel.
Ich finde, sie können eine wertvolle Unterstützung sein, wenn eine Frau dadurch wieder Kraft schöpfen und in ihre Entspannung zurückfinden kann.
Gleichzeitig lohnt es sich immer, gemeinsam hinzuschauen:
Warum gerät die Geburt gerade ins Stocken?
Braucht die Frau mehr Ruhe?
Mehr Sicherheit?
Eine andere Position?
Mehr Unterstützung?
Oder gibt es medizinische Gründe?
Es geht nicht darum, Schmerzmittel grundsätzlich abzulehnen oder zu befürworten.
Es geht darum, jede Frau individuell zu begleiten und den Weg zu finden, der sich für sie richtig anfühlt.
Mein Herzensanliegen
Ich könnte über dieses Thema stundenlang sprechen.
Mich fasziniert immer wieder, wie eng Körper, Geist und Nervensystem miteinander verbunden sind und welches unglaubliche Potenzial in unserem Körper steckt.
Genau dieses Wissen möchte ich Frauen weitergeben.
Denn ich wünsche mir, dass keine Frau mit Angst in ihre Geburt geht, nur weil sie nie erfahren durfte, was während der Geburt eigentlich in ihrem Körper passiert.
Mein Wunsch ist nicht, dass jede Frau eine perfekte Geburt erlebt.
Denn Geburt lässt sich nicht planen.
Mein Wunsch ist, dass jede Frau versteht, wie kraftvoll ihr Körper ist.
Dass sie ihrer Intuition wieder vertrauen darf.
Dass sie sich sicher fühlt.
Und dass sie mit dem Gefühl in ihre Geburt geht:
"Ich bin gut vorbereitet. Ich darf meinem Körper vertrauen."
Denn eine selbstbestimmte Geburt beginnt nicht erst mit der ersten Welle.
Sie beginnt in dem Moment, in dem du beginnst, an dich selbst zu glauben.
Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, meinen Blog zu lesen.
Ich freue mich, wenn ich dich auch im nächsten Beitrag wieder begleiten darf. Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, hinterlasse mir gerne einen Kommentar oder teile ihn mit einer werdenden Mama, der er Mut machen könnte.
Alles Liebe
Deine Kristina
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